Über Schuld, Scham & Dissoziation

Dissoziation: Wie wir uns von schlimmen Erfahrungen trennen

Wie schafft es ein Kind, das abends eine schlimme Erfahrung macht, am nächsten Morgen zur Schule zu gehen, ohne dass irgendjemand etwas bemerkt? Die Antwort ist: es dissoziiert.

Dissoziation bedeutet, dass unser Nervensystem bestimmte Gefühle, Körperempfindungen, Erinnerungen oder Wahrnehmungen vorübergehend vom bewussten Erleben trennt.

Man kann sich das vorstellen wie eine Sicherung im Haus. Wenn die Belastung für eine Leitung zu groß wird, fliegt die Sicherung heraus. Nicht weil etwas kaputt ist, sondern um größeren Schaden zu verhindern.

Ähnlich reagiert unser Nervensystem auf Erfahrungen, die sich anfühlen wie: „Das ist zu viel für mich.“ Es reduziert den Zugang zu dem, was gerade nicht verarbeitet werden kann. Dadurch wird es möglich, weiterzufunktionieren – zur Schule zu gehen, zu arbeiten oder den Alltag zu bewältigen.

Problematisch wird Dissoziation erst dann, wenn die „Sicherung“ dauerhaft draußen bleibt oder schon bei kleinen Belastungen auslöst. Dann schützt sie nicht mehr nur vor Überforderung, sondern erschwert auch den Kontakt zu den eigenen Gefühlen, Erinnerungen und Bedürfnissen.

Wie kann sich Dissoziation anfühlen?

Dissoziation zeigt sich extrem unterschiedlich — und wird sehr oft nicht erkannt. Vielleicht erkennst Du Dich bei einer der folgenden Beschreibungen wieder:

Konzentration und Bewusstsein

  • Es fühlt sich für dich manchmal so an, als seist Du irgendwie nicht ganz da.
  • Du hast Probleme, dich zu konzentrieren.
  • Als Kind wurde dir häufig gesagt, du seist verträumt.

Körper

  • Manchmal siehst du dich wie von außen
  • Du hast den Eindruck, du fühlst deinen Körper nicht normal

Gefühle

  • Du weißt, dass du eigentlich traurig oder wütend sein müsstest — aber du fühlst nichts.

Gedächtnis

  • Andere erzählen von ihrer Kindheit — und du erinnerst dich irgendwie kaum.
  • Du hast den Eindruck, du bist sehr vergesslich.

Warum erleben manche Menschen mehr Dissoziation als andere?

Ob das Nervensystem lernt, häufiger auf Abspaltung zurückzugreifen, hängt viel damit zusammen, wie die frühe Kindheit war. Drei Fragen geben einen ersten Eindruck:

  • Fühlst du dich wohl, wenn du bei einer anderen Person Trost suchst in Situationen, in denen du dich verletzt, unwohl oder aufgebracht fühlst?
  • Wusstest du, dass deine Gedanken und Gefühle wichtig waren und ernst genommen wurden?
  • Hattest du als Kind das Gefühl, dass Du Kontrolle über dein Leben hattest?
  • Hattest du das Gefühl, zuhause die meiste Zeit sicher zu sein?

Wenn die Antwort auf eine oder mehrere dieser Fragen nein ist, ist das Risiko für dissoziatives Erleben deutlich erhöht — je nach Bereich um das Sieben- bis Einundzwanzigfache (Kate, M. A., Jamieson, G., & Middleton, W. (2023). Parent-child dynamics as predictors of dissociation in adulthood. European Journal of Trauma & Dissociation, 100312).

Du erkennst dich hier wieder?

Dann lade ich dich ein, das gemeinsam anzuschauen. In meiner Praxis für Traumatherapie in Köln arbeite ich traumasensibel und beziehungsorientiert — mit dem Ziel, dass du dich selbst und dein Erleben besser verstehst und dich wieder mehr zuhause fühlst in dir.