Kleine Kinder denken noch in Kategorien wie „gut“ oder
„schlecht“. So funktionieren Kinderfilme – da gibt es ein
klares Gut und Böse.
Für ein kleines Kind wäre es kaum auszuhalten zu erleben, dass
ausgerechnet die Menschen, von denen sein Überleben abhängt,
gefährlich oder nicht verlässlich sind.
Ein Kind, dem es schlecht geht, kann nicht denken: „Mama ist
schlecht.“ Dann gäbe es keine Hoffnung mehr. Es ist
hundertprozentig abhängig von Menschen, die es sich nicht
ausgesucht hat und die es nicht verlassen kann. Es muss mit dem
zurechtkommen, was es hat. Wir lieben wir unsere Eltern –
ob wir wollen oder nicht.
Also bleibt als einziger Ausweg:
"Mama und Papa sind gut. Dann muss das schlechte Gefühl an
mir liegen.
Mit mir stimmt was nicht.
Ich hab‘ etwas falsch gemacht.
Ich bin nicht liebenswert.“
Diese Schlussfolgerung ist keine bewusste Entscheidung. Sie ist
die beste Lösung, die das kindliche Gehirn finden kann, um die
Bindung zu den wichtigsten Menschen aufrechtzuerhalten. Denn
solange das Problem bei einem selbst liegt, bleibt die Hoffnung
bestehen:
"Vielleicht kann ich mich ändern. Vielleicht werde ich dann
geliebt."
Kinder machen sich schlecht, damit die Bindungsperson
gut bleiben kann.
Wenn die Bindungsperson gut bleiben kann, gibt es Hoffnung -
auf Liebe.
Scham ist eine Anpassungsstrategie. So früh
erlernt, dass sie sich normal anfühlt. Und chronisch
wird.